Atomkraft, Gentechnik, Digitalisierung: Viele technische Fortschritte sind zwiespältig, haben Vor- und Nachteile. Alleine mit ihrer Hilfe wird man die Probleme der Gegenwart nicht lösen können, meint der Historiker und Journalist Marcel Hänggi im Interview.
Marcel Hänggi: Der Begriff hat seit der Aufklärung Anfang des 18. Jahrhunderts Bedeutung und umschreibt technische wie andere Errungenschaften. Er ist aber auch diskreditiert, denn im Namen des Fortschritts sind viele Verbrechen begangen worden – Dinge, die im Nachhinein vielleicht sogar ein Rückschritt waren. Ich versuche deshalb, den Begriff nicht zu verwenden, sondern spreche eher von „technischen Wandel". Dennoch kommen wir an der Fortschrittsidee nicht vorbei und da sehe ich es so: Fortschritt muss den schlimmstmöglichen Rückschritt vermeiden.
Das wäre – was durchaus denkbar ist – die Selbstzerstörung der menschlichen Zivilisation, sei es durch Umweltverschmutzung, Massenvernichtungswaffen oder wodurch auch immer.
Das stimmt, grundsätzlich kann man Techniken nur im Laufe der Zeit bewerten, indem man sie nutzt bzw. beobachtet, wie sie genutzt werden. Es gibt aber Fälle, in denen das nicht geht, weil die möglichen Folgen zu gravierend wären. Bei der Atomkraft haben wir versäumt, die Folgen und Risiken abzuschätzen. Nun haben wir das Problem, dass wir nicht wissen, was wir mit den radioaktiven Abfällen tun sollen. Das ist ein klassisches Beispiel, wo man im Nachhinein sagen muss, man hätte damit gar nicht beginnen sollen.
Ein anderes Beispiel ist die Gentechnik in der Landwirtschaft. Hier werden Organismen in die Umwelt freigesetzt, ohne dass man genau weiß, wie sich diese langfristig auswirken. Sollte es wirklich zu Schäden kommen, wird man sie nur schwer wieder reparieren können.
Ganz klar – soweit es zivile Techniken angeht: Das Auto.
Erstens tötet das Auto heute geschätzte drei bis vier Millionen Menschen jährlich – 1,3 Millionen durch Unfälle, der Rest durch Umweltwirkungen. Hätte man das im späten 19. Jahrhundert vorausgesehen, niemand hätte ein solches Gerät zugelassen. Dazu kommen all die anderen negativen Folgen, von der Besetzung des öffentlichen Raums und der Verschandelung von Landschaften und Städten bis zu den CO2-Emissionen.
Das Auto – das gilt zu einem gewissen Grad auch für andere Verkehrsmittel, wie die Bahn – hat die Bedürfnisse der Mobilität selber erst hervorgebracht. Empirische Studien belegen immer wieder, dass jede Beschleunigung des Verkehrs um den Faktor X zu einer Verlängerung der Wege um denselben Faktor X führt.
Viele sind heute auf das angewiesen, um ihre Alltagsmobilität zu bewältigen – aber gäbe es das Auto nicht, hätten sich die Raumstrukturen so entwickelt, dass niemand ein Auto brauchen würde. Das Auto hat mithin unsere Mobilität nicht erhöht, es ist bestenfalls ein Mobilitätsnullsummenspiel zu exorbitanten Kosten. Und berücksichtigt man die Mobilität von Kindern, alten Menschen, Blinden usw., so hat das Auto viel Mobilität vernichtet.
Quelle: zukunftmagazin.at
| Satz | Bezugswort |
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| Beispiel: Er ist aber auch diskreditiert, denn im Namen des Fortschritts... | Der Begriff |
| man hätte damit gar nicht beginnen sollen | |
| wird man sie nur schwer wieder reparieren können | |
| Hätte man das im späten 19. Jahrhundert vorausgesehen |
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